Wie ernst nehmen wir das Tierwohl?
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Wie ernst nehmen wir das Tierwohl?

Das Tierwohl bewegt viele Bürger mehr als je zuvor. Nicht nur Vegetarier und Vegane. Und doch sind wir von einer artgerechten und würdigen Tierhaltung weit entfernt. Das Leben eines Tieres ist teilweise „weniger Wert“ als ein frisches Brot in der Bäckerei kostet. Im Ländervergleich extrem niedrige Discounterpreise für Lebensmittel und Fleischprodukte, die industrielle Erzeugung und Verarbeitung von Tierprodukten und der massenweise Einsatz von Antibiotica sind nur einige der Facetten, die nicht nur zu Lasten der Tiere gehen, sondern auch einer gesunden und ausgewogenen Ernährung im Wege stehen. Nicht zuletzt der Siegeszug des Fastfoods und der Fertigprodukte hat Fleisch zum jederzeit verfügbaren, beliebigen Ernährungsbestandteil ohne Wertschätzung gemacht. Das schreit geradezu nach Biosiegeln, Qualitätslabeln und Lebensmittelampeln – damit wir uns irgendwie orientieren können und bewusster Einkaufen, uns gesünder ernähren und ein Signal für das Tierwohl setzen können. Und doch ist die Flut an Siegeln, Label, Ampeln und Kennzeichnungen nicht ohne Kritik. Insbesondere die Pläne der Bundesministerin Julia Klöckner für ein Tierwohlkennzeichen. Denn einher geht der Ansatz einer Freiwilligkeit und das Prinzip, dass der Markt richten soll, was sich der Gesetzgeber nicht traut. Das Label als Marketinginstrument werden auch Produkte erhalten, die unter Bedingungen der Tierhaltung entstehen, die lediglich in Nuancen besser sind als die äußerst niedrigen, gesetzlichen Mindeststandards. Der Verbraucher, der sich nach dem Kennzeichen richtet, setzt zwar ähnlich wie bei dem Biosiegel ein gewisses Willenssignal, wird aber latent über eine vermeintlich deutlich artgerechtere Tierhaltung getäuscht. Eine wichtige Debatte, die Dr. Michael Gebert und Oliver Schwartz in der neuesten Episode der Turtlezone Tiny Talks aufgreifen.
Episode 026 
Auch unter Tierschützern und Ernährungsexperten werden die ganzen Labels und Ampeln hitzig diskutiert. Fakt bleibt, dass wir mit Abstand das Land in Europa mit den niedrigsten Kampfpreisen im Lebensmittelhandel sind und die Discounter auch bei Bioprodukten extrem niedrige Preise im Einkauf verhandeln, der wenig Luft für die Erzeuger lässt über das Minimum an Anforderungen für ein Label hinauszugehen. Weil es die Kunden angeblich so wollen. Und über allem schwebt immer die unterschwellige Drohung, wie teuer alles werden würde, wenn man sich konsequent an Tierwohl und Gesundheit orientieren würde. Tatsächlich wären die wirklichen Verteuerungen wesentlich niedriger als suggeriert. Und unsere Lebensmittelpreise immer noch vergleichsweise niedrig. Einige bringen auch eine Tierwohlsteuer in die Debatte ein. Aber was sollen eine Steuer, Label und Tierwohlkennzeichen bringen, wenn damit nicht gleichzeitig klare gesetzliche Regelungen für die Tierhaltung und Lebensmittelerzeugung verbunden sind. Die Freiwilligkeit und das reine Vertrauen auf trügerische Positivsiegel ist eine Art Mogelpackung. In jedem Fall sehr mutlos und kurz gesprungen – denn die Bedingungen für die Tiere werden sich damit nur sehr langsam verbessern.