Ist unser Leben eine große TV-Serie?
#23

Ist unser Leben eine große TV-Serie?

Es ist spannend zu sehen, wie sich der Medienkonsum der Menschen im Lockdown und in Homeofficezeiten entwickelt hat. Erste Studien haben letztes Jahr einen gewaltigen Boom für Streamingdienste ermittelt – aber auch für Konsolenspiele. Und auch für Podcasts. Wobei das natürlich bereits Trend war und durch Corona jetzt verstärkt worden ist. Interessant ist dabei ja auch die Frage der Wechselwirkung und wie das begehrte non-linare Medienangebot die Menschen verändert. Weiterhin gilt: Serien sind auch und gerade bei Netflix & Prime die Goldwährung der Unterhaltung. Und deren dramaturgische Spielregeln scheinen wir auch längst im Alltag übernommen zu haben. Und auch die tägliche Berichterstattung über die Eskapaden des Ex-Präsidenten Trump oder die politische Kommunikation, Debatten und mediale Berichterstattung rund um die Corona-Pandemie erinnern an Serien oder Soap Operas. Für die neue Episode der Turtlezone Tiny Talks gehen Dr. Michael Gebert und Oliver Schwartz dem Phänomen und den Auswirkungen auf die Spur.
Episode 023 
Der Trend zu den non-linearen Streaming-Plattformen ist ungebrochen und damit sinken natürlich die Einschaltquoten und Marktanteile der klassischen linearen Broadcast-Medien wie Fernsehen und Radio. Eine Studie von Deloitte aus 2020 hat in mehreren Erhebungen gezeigt, dass zwar der Informationsbedarf rund um akute Lockdown-Maßnahmen durchaus auch die althergebrachten Medien wieder attraktiv gemacht hat. Das war aber eher die opportunistische Suche nach aktuellen Informationen und hat nicht zu einer dauerhaften Bindung oder gar einer Renaissance der linearen Medien geführt. Sobald es sich die Menschen irgendwie in der neuen Situation eingerichtet haben waren wieder Netflix, Prime & Co. angesagt. Oder halt Games. Und Netflix, Prime & Co. produzieren wie die Weltmeister neue Serien. Denn der Trend zum schnellen Konsumieren einer ganzen Serie am Stück, dem Binge Watching, hat den Bedarf nach dem Entertainment-Gold massiv ansteigen lassen. Und der Serien-Boom prägt auch alle weiteren gesellschaftlichen Bereiche. Wissenschaftler haben untersucht wie die Wechselwirkung zwischen dramaturgisch raffinierter Fiktion und den Zuschauern aussieht. Akzeptieren wir die kurzatmige politische Kommunikation mit oft nur angedachten Lösungsvorschlägen und Meinungs-Pirouetten deswegen so genügsam, weil wir den „offenen“ Ausgang und die Cliffhanger seit Kindertagen aus unseren Lieblingsserien kennen?