Cancel Culture - Ist Kritik denn nicht genug?
#11

Cancel Culture - Ist Kritik denn nicht genug?

In der Podcast-Episode 11 der Turtlezone Tiny Talks debattieren Dr. Michael Gebert und Oliver Schwartz über die sogenannte „Cancel Culture“, die mittlerweile zum beliebten Instrument von Aktivisten und Interessensvertretern geworden ist und doch nicht neu ist. Neu ist aber die Sprengwirkung und rasante Verbreitung der Forderungen im Schlepptau von Shitstorms und Kampagnen auf den Sozialen Netzen. Die Frage stellt sich: „Ist Kritik denn heute nicht mehr genug?“ Sind Boykotte, Aussperrungen, Delistings und Löschaktionen die richtige Art der Debatte? Muss man nicht zum Beispiel bei Künstlern zwischen der in die Kritik geratenen Person und ihrem davon unabhängigen künstlerischen Werk unterscheiden? Und macht es Sinn, posthum Autoren, Künstler, Philosophen und weitere Persönlichkeiten mit einem Bann zu belegen, der sich in dem heutigen Moral- und Rechtsverständnis der Cancel-Aktivisten begründet? Ein wichtiges Thema im Kontext vermeintliche Political Correctness. Und ein Appell für das Vertrauen in Argumente sowie die Offenheit und Empathie für einen, auch streitbaren, Dialog – statt voreiligem „Löschen“. Erfrischende 20 Minuten zum Wochenstart.
Episode 011 
„Cancel Culture“ geht weit über öffentliche Kritik und einen Shitstorm hinaus. Interessensgruppen fordern meist bereits in einer sehr frühen Phase von Vorwürfen oder Diskussionen -auf Verdacht hin- gleich die Maximalbestrafung. Nicht nur den persönlichen Boykott eines Menschen, sondern ein Delisting und Verbannen von künstlerischen Werken oder ein Ausschluss von Persönlichkeiten von relevanten Events und gesellschaftlichen Debatten. Damit überhöhen sich die Ankläger moralisch und faktisch und beanspruchen für sich, die oberste Instanz in Sachen Moral, Political Correctness und Rechtsverständnis zu sein. Und sorgen latent selber für Spaltung. „Cancel Culture“ hat auch nichts mit „links“ oder „rechts“ zu tun. Extreme beider Seiten nutzen und nutzen dieses Instrument. Entartete Kunst während der Nazizeit sowie der Boykott von Jedem, der in dem Verdacht stand sozialistisch oder kommunistisch zu sein, bis weit in die 60er Jahre hinein ist auch „Cancel Culture“ - selbst wenn es den Begriff so damals nicht gab. Und auch linke Aktivisten scheuen heute nicht davor zurück, mit der großen Cancel-Bazouka zu schießen, statt mit Argumenten zu debattieren. Und auffällig ist, dass gerade Interessensvertreter von gesellschaftlichen Gruppen, die sich benachteiligt, diskriminiert oder ausgegrenzt fühlen oder es faktisch sind, bei der Wahl ihrer Kampagnenmittel immer häufiger zur "Cancel Culture" greifen.